Messerabwehr - Fakt & Fiktion

Messerangriffe sind die wohl gefährlichsten Angriffe, die Dir in einer Selbstveteidigungssituation widerfahren können.

 

Viele Selbstverteidigungssysteme behaupten, eine verlässliche Antwort auf Messerangriffe zu haben und werben sogar damit.

 

In diesem Artikel sollst Du die Gefährlichkeit eines Messerangriffes und die realistischen Chancen der Abwehr von Messerangriffen besser verstehen lernen.

Welche Chancen hast Du gegen einen Messerangriff?

Wenn im klassischen Selbstverteidigungsunterricht Messerabwehren unterrichtet werden, sind diese normalerweise in verschiedene Angriffsrichtungen wie vertikal (von unten & von oben), horizontal (von links nach rechts und umgekehrt), diagonal (je links wie rechts von oben nach unten und umgekehrt), als gerader Florettstich oder nur als Bedrohung eingeteilt. Für jede Situation werden dann bestimmte Abwehrtechniken vermittelt. 

 

Solche Techniken sehe ich eher als Notfalltechniken, die funktionieren können, wenn ich den Messerangriff frühzeitig erkenne, der Messerangriff nach dem antrainierten Muster erfolgt und ich geistesgegenwärtig reagiere.

 

Die tatsächliche Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Messerangreifer an diese Angriffsmuster wie das Vorzeigen der Waffe vor dem Angriff oder nur einen einmaligen Angriff ohne vollen Körpereinsatz oder nicht seine Waffe plötzlich wechselt (Faust, Tritt) oder sich gar die differenzierten Angriffswinkel hält, sind im Ernstfall eher unwahrscheinlich; insbesondere wenn es sich um einen untrainierten sehr chaotisch-nervösen oder trainierten Messerangreifer handelt. 

 

Grundsätzlich musst Du davon ausgehen, dass der Kontakt mit dem angreifenden Messer beim Zustechen, Zurückziehen oder Schneiden Dich so weit verletzt, dass Du das verletzte Körperteil bestenfalls noch teilweise bis gar nicht mehr zur Selbstverteidigung nutzen kannst. Messerangriffe sind im schlimmsten Fall sehr schnell, chaotisch und unvorhersehbar im Verlauf. Im Gegensatz zu einer Schusswaffe geht dem Messer auch nie die 'Munition' aus.

 

Mein WingTsun-Si-Gung Keith Ronald Kernspecht machte in den Pionierjahren des WingTsun in Deutschland mal einen Test mit Interessenten, die sich sicher waren, Messerangriffe abwehren zu können: Er tunkte ein Gummimesser in rote Farbe und startete damit seine Messerangriffe gegen seine Probanten. Innerhalb kürzester Zeit waren alle wichtigen Angriffsziele der sogenannten Messerabwehrspezialisten voller roter Streifen. Alternativ zum Gummimesser mit roter Farbe könnte man auch einen roten Edding einsetzen. Keith Ronald Kernspecht beherrscht auch den Escrima Messerkampf. 

 

Sobald ein Angreifer sich nicht an standardisierte Muster hält, mit einem absoluten Willen angreift oder auch nur ansatzweise begriffen hat, wie man ein Messer zum Angreifen einsetzen kann, bist Du mehr oder weniger verloren, wenn Du nicht schnell weglaufen kannst.

6 wichtige Regeln, um einen Messerangriff zu überleben

Der bekannte Kali-Lehrer Doug Marcaida, der mit seinem Kollegen Fred Mastro in diesem Artikel noch eine wichtige Rolle spielen wird, hat 6 wichtige Überlebensregeln aufgestellt, um einen Messerangriff zu überleben. Viele von Dougs Schülern sind beim Militär und bei der Polizei tätig. An realitätsnahen Erfahrungen mangelt es also nicht. 

 

  1. Jeder Angreifer könnte eine Waffe tragen.
  2. Ein intelligenter Angreifer zeigt Dir nicht, dass er eine Waffe trägt. Wenn Du es weißt bzw. spürst, ist es schon zu spät für Dich.
  3. Eine lange Distanz zum Angreifer ist überlebenswichtig für Dich. Ein hinterlistiger Angreifer zieht sein Messer erst, wenn er ganz nah an Dir dran ist. Siehe Regel 2.
  4. Ein Kampf auf Leben und Tod ist kein sportlicher Wettkampf. Sportliche Taktiken wie Fairness, den Gegner waffenlos überrennen, ringen oder gezielt den Bodenkampf suchen sind lebensgefährlich.
  5. Du sollst auch für den Ernstfall ethische Regeln haben und die gesetzlichen Regeln kennen. Das ist gut und in Ordnung. In einem Kampf auf Leben und Tod sollte Dir bewusst sein, wenn Du diese Regeln überschreitest und dass Du dafür verantwortlich bist. Dies musst Du eigenverantwortlich abwägen, ob Dir lieber ist, lebend zu Deiner Familie zurückzukehren oder Deinen eventuellen Tod zu riskieren. Kämpfe nicht halbherzig. Setze ALLES ein, was Du zum Kämpfen hast. 
  6. Kämpfe nur, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Wenn Du fliehen kannst, dann laufe besser weg. Das ist keine Schande, sondern lebensrettend.

Der wohl gefährlichste Messerangriff

Der wohl gefährlichste Messerangriff ist ein kräftiger Schnitt von oben nach unten, diagonal geführt zum Hals des Gegners. Im Latosa Escrima wird dieser Angriff 'Angriff # 1' genannt. Es ist der erste Angriff, den ein Schüler im Escrima lernt. Mit diesem Angriff lässt sich ein Kampf augenblicklich beenden, weil er in der Regel tödlich endet.

 

Kali-Lehrer Fred Mastro zeigt diesen plötzlichen Angriff an einem erfahrenen Kämpfer, der die Aufgabe hat, Freds Angriff abzuwehren. Schau selbst, wie oft es dem erfahrenen Kämpfer erfolgreich gelingt, sich gegen diesen potenziell tödlichen Angriff zu verteidigen. (alle Videos in englischer Sprache). 

Risiken für den Verteidiger bei der Messerabwehr

Sollte es dem Verteidiger gelingen, den ersten Messerangriff erfolgreich abzuwehren und sogar den angreifenden Arm unter Kontrolle zu bekommen, ist der Verteidiger noch lange nicht außer Gefahr! Im Gegensatz zu den meisten Szenarien aus dem Messerabwehrtraing wartet der Angreifer eben nicht ab, sondern hat eventuell auch Gegenmaßnahmen gegen Deine Messerabwehr parat, zieht seinen Angriff wieder zurück - wobei er Dich schneiden kann - und greift sofort nochmal - und vielleicht anders - an. Eine erfolgreiche Messerabwehr ist erst beendet, wenn der Angreifer kampfunfähig ist.

Versuche einer waffenlosen Messerabwehr

Selbstverteidigungsexperte Bruno Orozco zeigt Dir im folgenden Video, was passiert, wenn man gängige Messerabwehrtechniken gegen einen Messerangreifer in Bewegung einsetzt. Es ist wichtig, zwischen Messerbedrohungen und tatsächlichen Messerangriffen zu unterscheiden. Gegen Letzteres gibt es ohne eigene Waffe zur Selbstverteidigung keine realistische Alternative, sofern Du Deine eigene Waffe natürlich gut beherrschst.

 

Mache Dich frei von der Illusion, dass Du einen Messerangriff unverletzt überstehst. Konzentriere Dich lieber darauf, dass Du einen Messerangriff mit möglichst wenig Schaden überstehst. Eine möglichst weite Distanz zu einem Messerangreifer ist Dein bester Schutz.

 

Wenn ein Kampf waffenlos gegen Messer nicht mehr zu vermeiden ist, zeigt Dir Bruno ein paar wichtige Grundbewegungen, die Du beachten solltest, um nicht ganz chancenlos Deinem bewaffneten Angreifer ausgeliefert zu sein. Üben solltest Du diese Techniken aber nur unter fachkundiger Aufsicht.  

Ist die Pistole der Joker gegen Messerangriffe?

Welche Waffe könnte einem Messer überlegen sein? Die Antwort: Eine Waffe, mit der man aus einer noch größeren Distanz seinen Gegner sicher kampfunfähig machen kann, bevor er Dich erreicht. In unserer heutigen, modernen Welt ist das klar eine Schusswaffe.

 

Ein erfahrener Polizist aus dem WingTsun-Verband EWTO äußerte sich einmal zu seiner Einstellung, wenn er einen Messerangreifer vor sich hat: Sobald ein Messer ins Spiel kommt, zieht er sofort seine Dienstwaffe, weil er um die Gefährlichkeit von Messerangriffen weiß. Wenn der Gegner nicht aufgibt und sich nähert, schießt er konsequent. 

 

Der erfahrene Waffenausbilder Instructor Zero versucht sich gegen einen Messerangriff von Doug Marcaida, der aus der Distanz auf ihn zukommt, erfolgreich zu verteidigen. Wie erfolgreich Instructor Zero dabei ist, siehst Du im Video.

Alltagsgegenstände zur realistischen Messerabwehr

Dir sollte bis hierhin klar geworden sein, dass Du für eine erfolgreiche Messerabwehr besser selbst eine Waffe einsetzt, um Deine Überlebenschancen deutlich zu erhöhen.

 

Nun gehe ich davon aus, dass der überwiegende Teil meiner Leserschaft keine erfahrenen Waffenkampfexperten sind, Du nicht ständig eine Waffe bei Dir trägst und trotzdem eine laien- und alltagstaugliche Waffe her muss, um Dich spontan verteidigen zu können, um Deinen Schaden so gering wie möglich zu halten und Dir eine baldige Flucht zu ermöglichen.

 

Nach was für einer Waffe suchen wir am besten? Einer Waffe,

  • die im Alltag höchstwahrscheinlich verfügbar ist,
  • die den Messerangreifer auf Distanz hält,
  • die Dir zusätzlichen Schutz bietet,
  • die den Angreifer kampfunfähig machen kann.

Der im folgenden Video verwendete Stuhl, ist ein guter Ansatz, der alle 4 obigen Anforderungen erfüllt. Noch besser fände ich hier einen Barhocker, weil dieser eine noch bessere Distanz zum Gegner aufbaut.

 

Eine andere Alternative wäre Reizgasspray, wenn Du in der Lage bist, es schnell genug zu ziehen, (in die richtige Richtung) abzudrücken und auch direkt in die Augen zu treffen. Heißer Kaffee aus einer Kanne oder kochendes Wasser vom Herd können auch sehr effektiv sein.

 

Auch diese Techniken von Nick Drossos aus seinem Video sollten nur unter sachkundiger Anleitung und mit Schutzausrüstung trainiert werden.

Fazit & eigene Erfahrungen

Die wichtigste Grundregel der Selbstverteidigung ist und bleibt: Wenn Du einem Kampf aus dem Weg gehen kannst, dann tue es! Ob mit oder ohne Waffen. Weglaufen ist keine Schande, sondern lebensrettend. Wenn Du aber doch kämpfen musst, dann tue es mit aller Konsequenz und bei Waffenangriffen möglichst auch mit einer (Alltags)Waffe, um Deine Chancen deutlich zu erhöhen.

 

Wie sind nun meine eigenen Erfahrungen mit Selbstverteidigung gegen Waffen?

 

 

Im Judo und Ju Jutsu wurden Waffenangriffe zwar als gefährliche Angriffe, deren Abwehr in der Regel erst von Fortgeschrittenen trainiert wurden, vorgestellt, aber es wurde immer als machbar angesehen.  

 

Beim Wing Tsun Training änderte sich das massiv. Dort werden an Fortgeschrittene zwar auch (Not)Abwehrtechniken gegen Waffenbedrohung und nach obigen Mustern beschriebenen Angriffen vermittelt, aber es wurde uns auch immer die Realität vor Augen geführt: Nicht umsonst wird in vielen WingTsun-Schulen auch parallel Escrima angeboten, um die Möglichkeiten von Waffen und den Waffenkampf kennenzulernen. Wie schon erwähnt: Bei einem bewaffneten Angreifer ist es besser für Dich, selbst eine Waffe zu haben und auch damit umgehen zu können. Auch ich habe mich mit den allerwichtigsten Basics im Escrima soweit vertraut gemacht und war schockiert, wie schnell ich unbewaffnete Trainingspartner mit meinem rudimentären Wissen und Können damit 'drankriegen' konnte. Im Gegenzug zeigten mir fortgeschrittene Escrimadores, wie chancenlos Du gegen einen bewaffneten Gegner bist, wenn dieser weiß, wie er oder sie seine Waffe gegen Dich einsetzen kann. Es ist letztendlich nicht vorhersehbar, wann Dein Gegner seinen Angriffswinkel ändert und Dich buchstäblich ins Messer laufen lässt. Diese Erfahrungen machen Dich sehr demütig. 

 

Nur zum Ernst des Lebens: Ich hatte bisher 2 Zwischenfälle, wo mein Angreifer bewaffnet war, die ich schadlos übestanden habe:

  1. Als 13-jähriger zogen mich ein paar unbekannte, ältere Schüler unter eine Treppe. Als ich mich umdrehte, hatte ich ein Messer vor der Nase. Die Typen wollten Geld, aber ich hatte keines dabei. Sie sagten, dass sie in einer Wochen hier an dieser Stelle Geld von mir sehen wollten, sonst täten sie mich jagen. Dann ließen sie mich gehen. Später berichtete ich meinem Klassenlehrer von diesem Vorfall. Die Typen hatte ich nie wieder gesehen.
  2. Während meiner Berufsausbildung in der Hotellerie hatte ein Gast im dicksten Mittagsgeschäft einen Sonderwunsch, den ich natürlich der Küche mitteilen musste. Einer der Köche rastete daraufhin aus und kam mit einem großen Fleischermesser auf mich zugerannt. Ich konnte gerade noch einen in der Ecke stehenden Besen greifen und ihm die Spitze des Besenstils vor die Kehle setzen. "Fallen lassen!", schrie ich. In der nächsten Sekunde kam der Küchenchef aus dem Keller zurück und sah die Szene. Ich erklärte ihm knapp "Ihr Mitarbeiter wollte mich gerade mir seinem Messer abstechen." Der Küchenchef schappte den Mitarbeiter am Kragen und schliff ihn die Treppe in den Keller hinab. Kurz darauf hörte man nur noch lautes Brüllen und Scheppern. 

Was lernte ich daraus? Dass ich ein unwahrscheinlich großes Glück hatte. Ja, Glück gehört ab und zu auch dazu, eine Gefahrensituation zu überstehen. Wenn ich darüber nachdenke, was da alles hätte passieren können - insbesondere wenn ich zur richtigen Zeit nicht ruhig geblieben oder nicht konsequent gehandelt hätte, wäre es schnell zu einer Katastrophe gekommen. Selbstbeherrschung und konsequent handeln sind mir seitdem eine wichtige Lehre in Gefahrensituationen geblieben. Dafür bin ich sehr dankbar.

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