Arbeiten bis 70 - ja oder nein?

Weil nicht mehr genügend Arbeitnehmer nicht mehr genügend Geld in die Rentenkasse einzahlen, hat der Staat massive Probleme, sein einst versprochenes Rentenniveau zu halten.

 

Hier gäbe es mehrere Lösungswege: entweder das Rentenniveau noch weiter abzusenken oder die Arbeitnehmer länger arbeiten zu lassen sind zur Zeit in der Diskussion.

 

Es gäbe aber noch andere Wege das Rentenproblem zu lösen. Dafür bräuchten Deutschland aber eine Totalreform seines bisherigen Rentensystems.

Wäre eine Rente ab 70 gerecht?

Ein glücklicher, sorgloser Lebensabend ist das Ziel aller Rentner. Was früher selbstverständlich war, wird heute immer seltener.
Ein glücklicher, sorgloser Lebensabend ist das Ziel aller Rentner. Was früher selbstverständlich war, wird heute immer seltener.

Die heute im Raum stehende Rentenkrise war schon in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts absehbar und wurde ab den Neunzigerjahren durch die familienfeindliche, neoliberale Politik nochmals deutlich verschärft.

 

Die fehlenden Betragszahler der geburtenschwachen Jahrgänge per Replacement Immigration der UNO auszugleichen, wird auch nicht wirklich einen positiven Effekt bringen, weil die meisten dieser Menschen weit unter dem deutschen Durchschnittsgehalt verdienen (sollen) und so die nötigen Beträge trotz Masse an immer weniger verdienender Arbeitnehmer nicht ausreichend sein wird.

 

Schon seit mehreren Jahrzehnten ist klar, dass wir in zwanzig Jahren eine Nation sein könnten, sie gut zur Hälfte aus Rentnern besteht, die dazu noch eine höhere Lebenserwartung haben als vor einigen Jahrzehnten. Das muss erstmal finanziert werden.

 

Das Renteneintrittsalter von 65 auf 67 und dann auf 70 zu erhöhen, ist eine politische Entscheidung, die in der Praxis ganz verschiedene Auswirkungen haben kann und wird. Kritiker der Rente ab 70 führen da gerne den Dachdecker in seinen Endsechzigern an, dem in diesem Alter noch zugemutet werden soll, auf Dächern herumzukraxeln, obwohl das Gleichgewichtsempfinden und die Sehschärfe doch schon deutlich nachgelassen haben können.

 

Die überspitzte Denkrichtung stimmt zwar, aber es muss trotzdem nochmals klar differenziert werden. Außerdem werden viele Menschen aufgrund von Personalabbau und damit überhöhten Leistungsanforderungen sowie Stress körperlich und psychisch von den beiden Hauptgründen der Berufsunfähigkeit wie Rückenschmerzen und Burnout zum Sozialfall (Dauer-HARTZ IV) oder frühverrentet, so dass eben diese Menschen schon gar nicht mehr bis zu üblichen Renteneintrittstermin arbeiten können. Auf der anderen Seite gibt es Arbeitnehmer, die unbeschadet durch ihr Arbeitnehmerdasein gehen und gerne noch länger gearbeitet hätten oder müssten, um nicht zum Sozialfall zu werden, wenn ihnen da nicht die Rente als lästige Pflicht dazwischen gekommen wäre.

 

Den Rentnern bleibt dann nur noch die Annahme einer geringfügigen Tätigkeit; bestenfalls eine freiberufliche Tätigkeit, um ihre Haushaltskasse noch aufzubessern...oder sie haben das Glück, nicht selbstgenutzte Immobilien zu besitzen, aus denen sie noch Mieteinnahmen beziehen. Wir Selbstständige sind da grundsätzlich am besten flexibelsten: Wir bestimmen selbst, wann wir uns zur Ruhe setzen...und das ist in der Regel ab 70 aufwärts. Also existiert statistischen für uns Selbstständige die Rente ab 70 - oder sogar später - in der Praxis schon!  P.S.: Ich kenne sogar Selbstständige, die mit über 80 Jahren noch arbeiten.

So denken die Neoliberalen

In den beiden großen politischen Lagern Mitte-Links und Mitte-Rechts gibt es zwei gegensätzliche Auffassungen zum Thema Rente. Beide Lager wissen genau, dass das derzeitige Rentensystem ein Fass ohne Boden ist und die einst garantierte Rentenhöhe alles andere als sicher ist.

 

Konservative und Liberale mit neo-liberalem Einschlag setzen auf die Privatisierung der Rentenversorgung. Das heißt: Jeder Bürger muss zu größten Teil sich selbst um seine Alterversorgung kümmern. Wahrscheinlich wird es vom Staat bald nur noch eine Grundrente geben. Unterstützung vom Staat wird es nur für tatsächlich Bedürftige geben, die keine Rücklagen mehr haben. Und dieses Geld wird nicht zum Leben ausreichen und zum Sterben noch zu viel sein.

So denkt das linke Spektrum

Im gut-bürgerlich-linken Lager denkt man schon eher über eine Reform des Rentensystems nach. Gebracht hat es aber noch nicht viel. Die Themen Grundrente ab einer bestimmten Anzahl an Beitragsjahren oder eine bedingungslose Grundsicherung liegen auf dem Tisch. Selbst genutztes Wohneigentum darf wahrscheinlich und hoffentlich behalten werden.

 

Seitens des links-liberalen Flügels und der sozialistisch denkenden Parteien kam in den letzten Jahren immer wieder die Diskussion über ein Bedingungsloses Grundeinkommen auf, von dem deren Kritiker behaupten, dass es erstens unmöglich zu finanzieren sei und zweitens sozial ungerecht sei.

In Berlin startet 2019 ein Feldversuch zu einem Solidarischen Grundeinkommen; praktisch ein bedingtes Grundeinkommen, für das Menschen im arbeitsfähigem Alter - weniger Rentner - Arbeiten von der Stadt beauftragt für die Allgemeinheit verrichten sollen, um im Gegenzug Geld zum (Über)leben zu erhalten. Für mehr wird es nicht reichen.

 

Im Hintergrund möchten sich vor allem die SPD und die Grünen vom HARTZ-IV-Fluch befreien, der die SPD in eine tiefe Krise und Unglaubwürdigkeit bis heute gestürzt hat und in neo-liberalen Kreisen für Begeisterungsstürme gesorgt hat.

Wie könnte eine neue, gerechtere Rente oder Grundsicherung aussehen?

Finanzell gut gestellte Rentner können sich den Aufenthalt in einem Pflegeheim leisten.
Finanzell gut gestellte Rentner können sich den Aufenthalt in einem Pflegeheim leisten.
Armen Rentnern kann schnell die Obdachlosigkeit drohen.
Armen Rentnern kann schnell die Obdachlosigkeit drohen.

Die Hauptkritik ist und bleibt, dass in Deutschland eben nicht jeder Arbeitnehmer und Selbstständiger in die Rentenkasse einzahlt. Wäre das so, hätte der Staat eine viel günstigere Ausgangsposition, seine Rentenversprechen halten zu können.

 

Wir Selbstständigen zahlen entweder freiwillig in die Rentenkasse bzw. die Künstlersozialkasse ein oder sorgen in der Regel privat vor. Sprichst Du Selbstständige oder Vertretergruppen von Selbstständigen an, wird man Dir fast immer sagen: "Zahl bloß nichts in die staatliche Rentkasse ein! Dein Geld siehst Du wahrscheinlich nie wieder!" Ganz unrecht haben sie wahrscheinlich nicht damit...

 

Es gibt aber auch einen großen Anteil an Soloselbstständigen, die sich eine Altersvorsorge nur teilweise oder gar nicht leisten können, weil ihre Einnahmen einfach viel zu niedrig sind. Täte der Staat diese Einzelunternehmer zu einem gewissen Rentenbeitrag verpflichen, bedeutet dies das Todesurteil für viele Soloselbstständige. Sie müssten ihr Business aufgeben und sich arbeitslos melden. Höchstwahrscheinliche Endstation HARTZ IV. Jetzt täte der Staat zahlen...und keiner der beiden Seiten wäre glücklich damit. 

 

Nur wie schützt man die Geringverdiener bei den Arbeitnehmern und den Selbstständigen, die immer mehr werden vor Altersarmut, wenn diese Menschen nicht selbst vorsorgen können? ...warum nicht mit einer garantierten Grundrente, von der man dann auch wirklich noch leben kann. 

 

Den Arbeitnehmern und Selbstständigen, die gut verdienen, muss man nicht sagen, dass sie sich etwas fürs Alter zurücklegen sollen. Das tun die schon erfahungsgemäß von sich aus. Politiker haben nach zwei Legislaturperioden im Bundestag sowieso für ihren Ruhestand ausgesorgt. 

 

In Deutschland ist die Situation zur Zeit verfahren. Wie lösen andere Länder in Europa ihre Rentensituation erfolgreicher? Hier kommen ein paar gute Beispiele, die zeigen, dass es geht, wenn man es will. Hier sollten wir die positiven Effekte der Globalisierung und Europäisierung endlich nutzen!


Wie hoch sollte eine Mindestrente oder ein BGE sein?

Statistisch gesehen liegt eine Durchschnittsrente in Deutschland angeblich unter 900 Euro. Als von einem Bedingungslosen Grundeinkommen gesprochen wurde, sprach man von Beträgen von 800 bis 1000 Euro mit dem zusätzlichen Verweis, dass es in der Praxis schon Modelle mit 1200 Euro gäbe. Die Schweiz denkt sogar über 2200 Euro nach.

 

...und dann gibt es noch gewisse Politiker, die sagen "...mit 600 Euro Rente ist man doch nicht arm!". Zum Vergleich: laut Statistik gilt jemand als arm, der im Monat nicht mehr als 800 Euro zur Verfügung hat.

 

 

Um sich über eine angemessene Höhe eines BGE oder einer Grundrente bewusst zu werden, bedarf es nach meiner Meinung einiger Eckpunkte:

  • Wie viel Geld hatte die betreffende Person als Arbeitnehmer zur Verfügung?
  • Kam diese Person mit diesem Gehalt gut über die Runden oder eher nicht?

Mit der Rente sollte der Lebensstandard eines Menschen möglichst auf dem gleichen Level bleiben können, ohne wirklich drastische Abstiche machen zu müssen. Es hängt natürlich auch mit davon ab, wie diese Person in der Lage war, durch private Vorsorge seinen bzw. ihren Lebensstandard im Alter zusätzlich zu einem grundlegenden Rentenniveau zu verbessern. Und bedenke: Als Rentner ändert sich in Deimem Leben jetzt so einiges:

  • erhöhte Lebensmittelkosten, weil Du nicht mindestens eine Mahlzeit in der Werkskantine von Deinem Arbeitgeber bekommst, sondern Dich jetzt den ganzen Tag voll und hoffentlich auf vollwertig selbst versorgen musst
  • erhöhte Kosten für Deine Gesundheit. Im Alter ist man nunmal anfälliger für Unfälle und Krankheiten. Die Krankenkassen übernehmen immer weniger. Ohne private Zuzahlung halte ich es für sehr kritisch!
  • Mit viel mehr Freizeit möchte man doch eigentlich mehr unternehmen. Soziale Kontakte pflegen und ausbauen, Sport wäre sehr lobenswert und - wenn es das Geld zulässt - gelegentlich reisen.

Das sind alles Punkte, die an Mehrkosten als Rentner auf Dich warten. Wenn Dir hier das Geld fehlt, landest Du schnell im sozialen Aus und verschwindest wortwörtlich aus dem öffentlichen Leben...aus den Augen, aus dem Sinn.

 

Die Beträge, die bisher für eine Grundrente, eine Grundsicherung oder ein BGE genannt wurden, sind mindestens dürftig bis absolut ungenügend! Alte Generationen, die mit 600 bis 800 Euro Rente klar kommen müssen, sagen zwar, dass sie mit ihrer Situation klar kommen. Kaum aber einer sieht wirklich oder will es sehen, in welchen vereinsamten, unwürdigen Zuständen viele alte Menschen heute leben. Sie sagen nur nichts aus Scham. Immer wieder siehst Du Rentner die Mülltonnen in der Stadt nach Essensresten durchsuchen oder liest, dass ein Rentner im tiefsten Winter in seiner Wohnung erfroren ist, weil die Heizkosten zu hoch waren.  Das ist menschenunwürdig!

 

Junge Menschen, die ein BGE beziehen, haben zwar mehr soziale Kontakte und sind leistungsfähiger. Das Geld wird aber trotzdem knapp sein. Sobald dieses BGE an Bedingungen geknüpft ist, besteht die Gefahr der Fremdbestimmung des Beziehers durch den Staat.

 

Insgesamt sichern Grundrente, Grundsicherung und BGE zwar Dein Überleben auf niedrigem Niveau. Auf der anderen Seite fesseln diese Maßnahmen Dich aber auch an Deinen Wohnort, denn Du kannst kaum noch reisen oder eine größere Umzugsaktion starten. Für Dein Leben bliebe Dir nur noch das Nötigste. Die Frage ist, ob Du in Zukunft so leben willst? Wenn Du es musst, hast Du eigentlich schon verloren!

 

Als ein Vorteil des Bedingungslosen Grundeinkommens wird ja gerne argumentiert, dass Du für potentielle Arbeitgeber deutlich günstiger wärst, weil sie Dir eigentlich weniger zahlen könnten. Das wäre nur gut für den Arbeitgeber, aber schlecht (und ungerecht) für den Staat, der mit dem BGE plus Arbeitsstelle als Angestellter indirekt Dein Gehalt mitbezahlt, was dann gefälligst Dein Arbeitgeber zu 100 % tun sollte, weil er ja auch 100 % Deiner Leistung nutzt.

 

Um auf einen realistischen Wert für obige Maßnahmen zu kommen, musst Du Dir darüber im Klaren sein, was Wohnen und eine Teilhabe am sozialen Leben heute kostet. Alleine wenn Du schon siehst, dass in Großstädten eine 1-Zimmer-Wohnung warm kaum mehr unter 500 Euro zu haben ist, sollte Dir klar sein, dass Du mit 1000 Euro im Monat nicht weit kommen kannst. Über ein Auto wollen wir hier gar nicht erst nachdenken. 150 Euro kannst Du monatlich für Lebensmittel auf jeden Fall rechnen, wenn Du Dich nicht von industriell produziertem Müll aus dem Supermarkt ernähren willst. Womit willst Du Dein Leben sinnvoll gestalten? Das wird wahrscheinlich auch nicht ganz kostenfrei laufen. Du brauchst die eine oder andere Versicherung (Privathaftpflicht und Berufsunfähigkeit und vielleicht spezielle Berufshaftpflichversicherungen für Dein Business). Öffentlicher Nahverkehr, Weiterbildung, Kleidung, Rücklagen, falls mal etwas kaputt geht oder für eine spezielle medizinische Behandlung, etc. Erst wenn Du es schaffst, Geld dazu zu verdienen, hast Du eine Chance, auf einen grünen Ast zu kommen. 



Natürlich hat alles seine Licht- und Schattenseiten. Die Erdenker des BGE leben in der Regel von sich aus mit einer Lebensphilosophie, dass sie ihrem Leben einen Sinn geben und selbstverständlich auch arbeiten wollen...und das nach ihren eigenen Vorstellungen und nicht aus notgedrungenem Zwang etwas tun, womit sie sich nicht identifizieren können.  Auf der anderen Seite gibt es tatsächlich einige (für mich) Sozialschmarotzer, die mit einem BGE die Füßen hochlegen würden und sich tatenlos vom Staat aushalten lassen täten, ohne einen sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten bzw. sich sinnvoll zu beschäftigen. Die Argumentation von diesem Klientel wäre dann: "Ich bin doch nicht blöd, mir eine Arbeit zu suchen. Ich beantrage das BGE." Solche Missbrauchsfälle gibt es heute schon bei HARTZ IV, wofür leider fast alle Langzeitarbeitslosen negativ stigmatisiert werden. Der tatsächliche Fehler liegt aber im System und nicht am Arbeitslosen, die gefordert und (oft mit sinnlosen Maßnahmen) gefördert werden! Arbeitgeber werden fast gar nicht gefordert und missbrauchen häufig die staatlichen Förderungsgelder, ohne Konsequenzen vom Staat fürchten zu müssen. Die Folge ist, dass sich die Arbeitgeber die besten und jüngsten Leute, die noch im aktiven Arbeitsprozeß sind, sich heraussucht und die Langzeitarbeitslosen in ihrer Situation verkommen lässt. Hier müsste sich ganz dringend etwas ändern!

Was müsste sich in der Arbeitswelt und der Politik ändern?

Die Politik muss endlich Lehre annehmen und von anderen Ländern lernen, wie es besser geht. Wenn das die jetzige Politik nicht tut, müssen wir andere Parteien wählen, die solche neue Wege bereit sind, konsequent umzusetzen. Keine der derzeit in unserer Regierung befindlichen Parteien sehe ich als willig dazu an. Die Zweckentfremdung von Geldern aus der Rentenkasse sind nicht hinnehmbar!

 

Für die Arbeitswelt täte ich einen flexiblen Renteintritt bevorzugen. Leute, die länger arbeiten wollen und können, sollten die Möglichkeit dazu erhalten. Auf der anderen Seite müssen Arbeitgeber viel strenger kontrolliert und konsequent sanktioniert werden, dass:

 

  • arbeitsrechtliche Bestimmungen eingehalten werden,
  • die Atmosphäre am Arbeitsplatz nicht gesundheitsschädigend sein darf,
  • der Abstand von Gehältern eines Durchschnittsbeschäftigten einer Firma zum Top Management nicht ins Unermessliche steigen kann,
  • eine leistungsgerechte Bezahlung für einfache Angestellte, die nicht das Prädikat 'Arm trotz Arbeit' trägt
  • ältere Arbeitnehmer dürften auch nicht mehr bei der Stellenvergabe diskriminiert werden,
  • die gleiche Bezahlung von Mann und Frau muss endlich verbindlich umgesetzt werden,
  • Mobbing und Bossing müssen als Straftatbestand konsequent strafrechtlich verfolgt werden und
  • eine bestimmte Personalstärke im Betrieb grundsätzlich vorhanden sein muss.

 

Schau in Zukunft einmal alle verfügbaren Wahlprogramme der politischen Parteien durch, wer das alles anbietet, was für eine vernünftige Rente und einen neuen Generationenvertrag sowie mehr Steuergerechtigkeit nötig wäre...und wähle dementsprechend!