Kampfkunst-Philosophie für den Alltag Teil 4

In meinem vierten Teil zum Thema Kampfkunst-Philosophie geht es um Taktiken zur Verteidigung, wenn Du angegriffen wirst. Das muss sich nicht nur auf körperliche Angriffe beziehen. Auch verbale Angriffe kann mit diesen Taktiken zur Verteidinung im Alltag begegnet werden.  

Angriff ist die beste Verteidigung

Moralisch gesehen, ist es nur gut zu kämpfen, wenn Du tatsächlich angegriffen wirst und sich verteidigen musst, um nicht selbst verletzt zu werden. Juristisch gesehen, ist es sogar Pflicht, dass ein rechtswidriger Angriff im Gange sein muss, um sich in Notwehr oder Nothilfe legal und verhältnismäßig verteidigen zu dürfen. Ein unnötiger Kampf ist auch ein unnötiges Risiko für Dich. Denn in einem Kampf kannst Du gewinnen UND auch verlieren...schlimmstenfalls Dein Leben!

 

Wenn Du Dich aber verteidigen musst, dann verteidige Dich bitte beherzt und konsequent. Alles andere ist zum Scheitern verurteilt oder eskaliert Deine Situation noch unnötig mehr.

 

Es heißt nicht umsonst: Angriff ist die beste Verteidigung!

Als Beispiele der Verteidigung habe ich Techniken aus dem Karate gewählt, weil diese für einen Laien optisch relativ leicht nachvollziehbar sind.

 

Im klassischen Karate wird dabei gerne der defensive Geist des Karate betont: Karate ni sente nashi - Im Karate greift man nicht (als erster) an. 

 

In den japanischen Kampfkünsten existieren 3 grundlegende Prinzipien der Verteidigung:

 

Go no sen

Erst den Angriff geschehen lassen, dann Gegenangriff

Go no sen ist das Verteidigungsprinzip, dass Du in der Kampfkunst in der Regel als erstes lernst. Du blockst den Angriff zuerst ab bzw. neutralisierst ihn oder läßt ihn. Als elegantere Variante läßt Du den Angriff ins Leere laufen (oder Du bis einfach nicht da!) und startest dann Deinen Gegenangriff zur Verteidigung. 

 

Diese reinen Abwehrtechniken heißen im Karate Uke Waza. Das japanische Wort Uke kommt von dessen Grundform ukeru, das von den Japanern nicht nur mit abwehren gleichgesetzt wird, sondern auch als empfangen, akzeptieren oder sogar erleiden interpretiert wird. 

 

Während viele Karateka als Anfänger mit der Einstellung verhaftet sind, sich gegen einen Angriff unbedingt wehren zu müssen, ist der fortgeschrittene Karateka bereit, sich auf den Angriff seines Gegners einzulassen, ihn als Chance zu sehen und das gar nicht ändern zu wollen. Er nimmt die Kraft des Angriffs sogar bewusst auf und neutralisiert sie somit. Wenn die Angriffsenergie verpufft ist, befindet sich der Angreifer oft in einer verwundbaren Position, die dann vom Verteidiger mit voller Wucht angegriffen werden kann.

 

Für die Go no sen Taktik musst Du Deinem Gegner aber technisch überlegen sein, und in Deine soliden Fähigkeiten in der Verteidigung vertrauen können. Sonst ist es für Dich äußerst riskant.

 

Wer eine solide Verteidigung hat, ist im Notfall optimal geschützt. Es gibt viele Kämpfer, die immer nur sofort angreifen wollen, um schnelle Siege zu erringen. Wenn sie an einen stärkeren Gegner geraten, werden sie mit dieser Taktik scheitern. Darum ist eine gute Verteidigung bzw. die Kompetenz aus unterlegenen Situationen heraus erfolgreich kämpfen zu können sehr wichtig. Du kannst nicht immer der Stärkere sein! 

 

Im folgenden Video (YouTube Kanal von Wado Karate Masters) lässt Suzuki Sensei (links) den Fauststoß seines Gegners ins Leere laufen. Sobald die Angriffsenergie verpufft ist, startet Suzuki Sensei seinen Gegenangriff. 

 

Anwendung des Verteidigungsprinzips Go no sen im Alltag:

 

Bei einer Konversation oder Diskussion hat die Anwendung des Prinzips Go no sen einen weiten Spielraum: Es reicht vom Ignorieren unerwünschter Kommentare bis zum Anhören eines Argumentes mit anschließendem Gegenargument. Dafür musst Du ein guter Zuhörer sein und fit in dem Thema, das gerade besprochen wird, um ein brauchbares Gegenargument liefern zu können. Insgesamt musst Du dem Gesprächspartner also zumindest ebenbürtig bis überlegen sein, sonst bist Du von Anfang an im Nachteil.

 

Sen no sen

Den Gegenangriff starten, während der Gegner angreift

Beim Prinzip Sen no sen finden der Angriff Deines Gegners und Dein Gegenangriff zur selben Zeit statt. Im Boxen nennt man so etwas 'to beat somebody to the punch'. Dieses Prinzip ist technisch anspruchsvoll und etwas für fortgeschrittene Karateka.

 

In der folgenden Trainingsszene (aus dem YouTube-Kanal von laserkej) siehst Du sehr schön, wie der Vorwärtstritt und später der Fauststoß des Angreifers (rechts) - zeitgleich von einem Doppelfauststoß (Yama Tsuki) als Gegenangriff durch den Verteidiger Yamaguchi Sensei gestoppt wird.  

 

Anwendung des Verteidigungsprinzips Sen no sen im Alltag:

 

Das Prinzip Sen no sen erlebt man häufig in hitzigen Diskussionen. Der Redner wird innerhalb seines Beitrags von einem anderen Redner mit seinem Gegenargument gestört. Was als ungehobeltes Verhalten, Ungeduld und Frechheit nach außen für den Zuschauer erscheint, ist aber oft Kalkül und Taktik, damit der Gegner seine vielleicht sehr guten Argumente gar nicht erst richtig ausspielen kann.

 

Sen sen no sen

Den Gegenangriff starten, bevor der Gegner angreifen kann

In der folgenden Wettkampfszene (aus dem YouTube-Kanal von bondarev42) siehst Du sehr schön, wie der Angreifers (links) der immer weiter den Verteidiger bedrängt und jeder Zeit einen weiteren Angriff starten wird. Der tatsächliche, nächste Angriff wird durch den Verteidiger schon im Ansatz mit einer Fußfegetechnik (Ashi Barai) als Gegenangriff gestoppt und der Gegner zu Boden gebracht.  

 

Anwendung des Verteidigungsprinzips Sen sen no sen im Alltag:

 

Beim Prinzip Sen sen no sen läßt man einen unerwünschten Diskussionspartner gar nicht erst richtig zu Wort kommen und bügelt ihn oder sie sofort, bei einem Versuch das Wort zu ergreifen, nieder.  

 

Sen no sen und Sen sen no sen in einer Diskussion angewandt, sind potenziell unfaire Techniken der Rhetorik. Sie können aber auch eingesetzt werden, um Störenfriede, Wichtigtuer oder Leute, die es einfach schwer haben, Dinge schnell auf den Punkt zu bringen, seine / ihre Grenzen aufzuzeigen, um wertvolle Zeit zu sparen.

 

 

Jetzt kennst Du alle wichtigen Verteidigungsstrategien der japanischen Kampfkünste und hast eine Idee, wie Du diese Prinzipien im Alltag einsetzen kannst. Wende sie mit Wachheit und Achtsamkeit an. Deine Lebensqualität wird damit spürbar steigen.

 

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